Seriosität im Assessment Training

Pilot zu werden ist für viele Interessierte mehr als ein Berufswunsch, es ist ihr grosser Lebenstraum. Bei nicht Wenigen bleibt es jedoch leider dabei. Die Auswahlverfahren sind meist streng, sodass kaum mehr als 10% die Selektionsverfahren bei den Airlines bestehen.

Abhilfe sollen Assessment Trainings schaffen. Den Teilnehmenden wird das notwendige Wissen vermittelt, um das Assessment positiv zu durchlaufen und so ihrem Ziel einen Schritt näher zu kommen. Aber stimmt das? Besitzen die verantwortlichen Trainer überhaupt die notwendigen Kenntnisse, um ihre Zöglinge korrekt vorzubereiten?

Eine kurze Recherche im Internet genügt, um zumindest daran zu zweifeln. Zum SWISS Assessment Verfahren steht so z.B. bei einem der 4 grössten Trainingsanbieter: "Die Schwerpunkte von Interview und Gruppenspiel sind selbstverständlich der Auswahl bei SWISS angepasst." Das tönt zwar durchaus gut, aus professionell psychologischer Sicht stellt sich jedoch die Frage, wie diese Anpassung denn stattfinden kann? Die Assessoren bei SWISS aber auch in anderen Assessment Centern bewerten die Kandidaten auf verschiedenen, den Kandidaten nicht bekannten Persönlichkeitsdimensionen. Die Bewertung erfolgt dabei aufgrund von klar definierten Markern, als von Verhalten, welches der Kandidat entweder zeigt, oder eben nicht. Für Trainingsanbieter dürfte es in diesem Zusammenhang ausgesprochen schwierig sein, die tatsächlich bewerteten Dimensionen in Erfahrung zu bringen. Noch viel schwieriger wird es jedoch, die Verhaltensmarker einer Bewertung auf der entsprechenden Dimension zuzuordnen. Aus Erfahrung wissen wir, dass gar innerhalb der LH-Group gleiches Verhalten nicht in jedem Assessment gleich bewertet wird. Eine Anpassung des Trainings für die SWISS Auswahl, wie vom Anbieter beworben, scheint daher eher wenig glaubhaft.

Auch bei den anderen bekannten Anbietern steht es nicht besser, das Wissen zum Auswahlverfahren scheint marginal und wird von Beginn weg falsch dargestellt. So findet sich auf einer Homepage z.B. folgende Aussage zum Ablauf des Assessments bei SWISS: " Stufe 2; Gruppenübungen, Mathematik, Assessment-Center." In dieser kurzen Zeile verbergen sich gleich mehrere Fehler. 1. wird während der Stufe 2 keine Mathematik geprüft und 2. fragt sich der interessierte Leser, was denn mit Assessment Center gemeint sein soll, ist doch z.B. eine Gruppenübung (es ist zudem nur eine Übung und nicht wie auf besagter Seite zu lesen mehrere Übungen)  eben genau Teil eines Assessment Centers. Auf besagter Seite geht es denn auch im gleichen Stil weiter: " Stufe 6: Interview plus Physik und Englisch." Die Darstellung ist einerseits falsch, da Stufe 5 und Stufe 6 bei SWISS eine Einheit bilden, eine Stufe 6 gibt es somit nicht. Noch falscher ist jedoch die Aussage, dass während dieser Stufe Physikkenntnisse geprüft werden, was zu keinem Zeitpunkt des Assessments der Fall ist. Erstaunlich sind diese Fehler deshalb, weil mit einer kurzen Recherche die verschiedenen Stufen und deren Inhalt problemlos in Erfahrung gebracht werden könnten. Es stellt sich somit die Frage, wie seriös die besagte Firma die Inhalte des Assessments abzubilden vermag, wenn sie selbst den Aufwand scheut, sich über den korrekten Ablauf in Kenntnis zu setzen. Der selbe Anbieter meint ebenfalls aufgrund von Assessmentergebnissen, eine Information zur Gewichtung von Fähigkeiten und Persönlichkeit im SWISS Assessment gefunden zu haben: " Swiss legt im Vergleich zur Lufthansa einen signifikant stärkeren Fokus auf die Ergebnisse der arbeitsumfeldähnlichen Testelemente. Die Bewerber können sich mit guten Leistungen in den kapazitiven Teilen des Verfahrens einen regelrechten Bonus für die letzte Selektionsstufe dem psychologischen Part der Untersuchung herausarbeiten. Ehemaligen Lufthansa-Bewerbern, die beim psychologischen Part des DLR-Tests der Firmenqualifikation FQ nicht weiterkamen, jedoch Stärken bei den kapazitiven Aufgabenstellungen hatten, bietet das „cockpitlastige“ SelektionsVerfahren der Swiss eine echte 2. Chance." Nicht nur, dass der Anbieter hierbei grundlegende und für die testpsychologie essenzielle Kenntnisse vermissen lässt (Korrelation bedeutet nicht Kausalität), seine Vermutungen verkauft er auch gleich als unumstössliche Wahrheit. Den tatsächlichen Grund für das vermehrt positive Abschneiden ehemaliger LH-Kandidaten erklärt uns der ehemalige LHGroup-Psychologe so: "Kandidaten, welche ein ähnliches Verfahren bereits einmal absolviert haben, profitieren einerseits von Übungseffekten. Zudem waren sie schon mal in einer ähnlichen Situation. Sie wissen daher besser, wie sie sich verhalten müssen, wie sie auf Fragen antworten sollen. Mit einer unterschiedlichen Gewichtung von Leistungs- und Persönlichkeitsaspekten hat dies nichts zu tun."

Auch der grösste Anbieter von Vorbereitungssoftware bleibt nicht ganz fehlerfrei. Im veröffentlichten Buch in der aktuellen Version finden sich einige Fehler bezüglich dem SWISS Assessment. Zudem werden mit der Übungssoftware Tests geübt, welche teilweise bereits vor Jahren aus der Testbatterie bei SWISS entfernt wurden (so z.B. der Vigilanztest). Dennoch lässt sich bei diesem Anbieter sagen, dass zumindest die Vorbereitungssoftware für den Apparatetest den Kandidaten einen merklichen Vorteil verschafft.

Zusammengefasst lässt sich sagen: Nicht alle Trainingsanbieter scheinen ein seriöses Angebot zu liefern. Erste Hinweise darauf ergeben sich aus den entweder veralteten oder fehlerhaften Darstellung der Anforderungen. Dass diesen Anbietern trotz offensichtlichem Kenntnismangel die für ein seriöses und gezieltes Training nötigen Anforderungsprofile bezüglich Leistung und Persönlichkeit der verschiedenen Airlines vorliegen, darf durchaus in Frage gestellt werden.

Daraus lässt sich schliessen, dass Kandidaten sich daher bei der Wahl eines Trainingsanbieters jeweils die Frage stellen sollten, ob dieser überhaupt über die notwendigen Kenntnisse verfügt bzw. verfügen kann. Ist dies der Fall, kann ein gezieltes Training die Chancen im Assessment stark erhöhen.


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